Erschöpfung ist ein sehr häufiges Thema in meiner Beratung. Nicht die körperliche Müdigkeit, die nach einem langen Tag kommt, sondern eine tiefere – die Erschöpfung, die enststeht, wenn man dauerhaft gegen sich selbst arbeitet.
Menschen, die ich in diesem Zustand begleite, haben häufig eines gemeinsam: sie kennen ihre eigene Kraft nicht mehr. Nicht weil sie sie verloren haben, sondern weil sie nie gelernt haben, sie zu spüren.
Genau hier setzt das Element Feuer an.
Das Element Feuer – Anbindung nach oben
In unserem Bild vom Baum wissen wir, das er nicht nur den Boden und die Wurzeln braucht, um zu wachsen – er braucht auch Licht. Die Sonne, die ihn nährt. Wärme, die von oben kommt und Wachstum erst möglich macht.
Während die Erde die Verbindung nach unten symbolisiert – zur Mutter Erde, zum Körper, zum Halt – steht Feuer für die Verbindung nach oben. Zum Licht, zum Größeren, zu dem, was Carl Gustav Jung das höhere Selbst nannte.
Das höhere Selbst ist in Jungs Psychologie jender Teil des Menschen, der über das Ego hinausreicht. Nicht das Ich, das funktioniert, reagiert und bewertet – sondern der tiefere Wesenskern, der unberührt bleibt von Geschichte, Wunden und Konditionierung.
Das Feuer, das in dir brennt, ist dasselbe Feuer, das die Sterne entzündet.
— wird Meister Eckhart zugeschrieben
Dieses Bild trifft den Kern der Feuer-Arbeit. Die Kraft, die du suchst, ist nicht etwas, das du dir erarbeiten musst. Sie ist bereits in dir – als Teil von etwas Größerem. Als der Teil in dir, der dich kennt, bevor die Welt dir gesagt hat, wer du bist.
Selbstwert – was die Forschung sagt
Selbstwert ist mehr als ein Gedanke – oder eine Idee. Er ist ein körperliches Eleben.
Der Psychotherapieforscher Klaus Grawe beschrieb Selbstwerterhöhung als eines der vier psychischen Grundbedürfnisse des Menschen – neben Orientierung, Bindung und Lustgewinn. Er zeigte, dass unerfüllte Bedürfnisse nicht nur psychisches, sondern auch körperliches Leid erzeugen.
Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio zeigte in seiner Forschung, dass Körperzustände direkt beeinflussen, wie wir uns selbst wahrnehmen und welche Entscheidungen wir treffen. Sein Konzept der somatischen Marker belegt: Selbstwert ist nicht primär ein Gedanke – er ist eine körperliche Erfahrung.
Körperhaltung und Muskelzustand beeinflussen direkt, wir wir uns selbst wahrnehmen – das kannst du im „Powerposing“ selbst ausprobieren. Wer aufrecht sitzt, spürt sich anders als wenn man zusammengesunken ist. Wer die eigene Körperspannung erlebt und loslässt, schafft Zugang zu innerer Stärke – von innen, nicht von außen.
Progressive Muskelentspannung – mehr als Relaxation
Die Progressive Muskelentspannung (PME oder progressive muscle relaxation PMR) wurde in den 1920er Jahren vom amerikanischen Arzt Edmund Jacobson entwickelt. Das Prinzip ist einfach: Muskeln werden bewusst angespannt – und dann losgelassen. Durch den Kontrast wird Entspannung nicht nur erzeugt, sondern bewusst erlebt.
Zahlreiche Studien belegen die Wirksamkeit der PMR bei Angststörungen, Schlafproblemen, chronischem Stress und Burnout (u.a. Manzoni et al., 2008, Clinical Practice & Epidemiology in Menthal Health). Was die Forschung häufig überieht: PMR tut nicht nur gut – sie macht etwas bewusst.
In meiner Praxis erlebe ich immer wieder, dass Menschen durch PMR zum ersten Mal spüren, dass in ihrem Körper Kraft steckt. Das klingt banal – ist es aber nicht. Für Menschen, deren Selbstwert durch frühe Erfahrungen verschüttet wurde, ist das Erleben oft ein echter Wendepunkt.
Das höhere Selbst in der Praxis – Reparenting
In der Beratungsarbeit mit Selbstwert und Bindungsthemen zeigt sich meist, dass die Menschen oft nicht nur ein negatives Selbstbild haben, sondern sie glauben auch, dass dieses Bild die Wahrheit über sich selbst sei.
Reparenting – das Nachnähren früh fehlender Zuwendung – arbeitet genau hier. Es geht darum, dem inneren Kinde jene Botschaften zu geben, die es damals nicht bekommen hat. Und eine der kraftvollsten Botschaften ist: es gibt einen Teil in dir, der dich kennt – bevor die Welt dir gesagt hat, wer du bist. Dieser Teil ist unverletzt. Er ist dein höheres Selbst.
In der Feuer-Meditation arbeiten wir mit dieser Idee. Nicht durch Erklärungen, sondern durch Erfahrung. Die Aufmerksamkeit darf nach oben gehen, zum Licht, zu dieser Wärme, die bedingungslos ist. Und vielleicht entsteht dabei ein Gefühl, das viele lange nicht gespürt haben: Ich bin willkommen – einfach so.
Kraft entdecken statt auftanken – der Flow-Gedanke
In meiner Beratungsarbeit stelle ich Klienten oft die Frage: Woher beziehst du dein Kraft? Wo tankst du auf?
Aber je länger ich über diese Frage nachdenke – und je mehr ich mit dem Konzept des verschütteten Selbstwerts arbeite, desto mehr merke ich: Diese Fragen setzen etwas voraus, das nicht stimmig ist. Sie suggerieren, dass Kraft von außen kommt. Dass der Mensch leer ist und wieder gefüllt werden muss.
Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi beschrieb mit seinem Flow-Konzept etwas anderes: Jene Momente, in denen Herausforderung und Fähigkeit im Gleichgewicht sind – in denen man ganz aufgeht in einer Tätigkeit, die anstrengend und gleichzeitig erfüllend ist. Im Flow entdeckst der Mensch sich selbst. Nicht weil er Kraft aufgetankt hat, sondern weil die Tätigkeit sichtbar macht, was schon immer da war.
Deshalb stelle ich die Frage heute anders: Wobei entdeckst du deine Kraft?
Diese Frage setzt voraus, dass die Kraft bereits vorhanden ist. Sie muss nicht aufgebaut oder geholt werden. Die Frage ist nur – wobei wird sie sichtbar? In der lösungsorientierten Beratung nach Steve de Shazer nennt man das eine präsupponierende Frage. Die Annahme steckt bereits in der Frage selbst. Und das ist in der Beratung mächtiger als jede direkte Aussage.
Nimm dir einen Moment und frage dich selbst: Wobei habe ich zuletzt gespürt, dass da Kraft in mir ist? Nicht Energie von außen, sondern etwas, das von innen kommt.
Annehmen als Schlüssel – Hildegard von Bingen
Die mittelalterliche Mystikerin und Heilerin Hildegard von Bingen hat etwas formuliert, das therapeutisch von erstaunlicher Präzision ist:
Erst was ich annehmen kann, kann ich auch loslassen.
— im Sinne von Hildegard von Bingen
Dieser Satz beschreibt in neun Worten, wofür Psychotherapeuten Bücher schreiben. Annehmen ist die Voraussetzung für Loslassen. Nicht Bekämpfen, nicht Überwindung, sondern: Zuerst wahrnehmen, was ist – und dann darf es sich bewegen.
Auf das Element Feuer übertragen bedeutet das: die verschüttete Kraft kann erst entdeckt werden, wenn ich zuerst annehme, was grade ist. Diese Erschöpfung, diese Leere, dieses Gefühl: ich habe nichts mehr zu geben. Erst wenn ich das annehme – ohne Wertung, ohne Widerstand – kann ich spüren, was darunter liegt. Die Glut, die noch brennt.
Das verbindet sich direkt mit der Reflexionsfrage: Wobei entdeckst du deine Kraft? Entdecken setzt voraus, dass ich offen hinschaue. Ohne Erwartung – und es annehme.
Für wen ist diese Methode besonders wertvoll?
Menschen mit niedrigem Selbstwert: wer sich häufig entschuldigt, zurücknimmt oder die eigenen Bedürfnisse hintenanstellt, hat oft keinen körperlichen Zugang zu seiner eigenen Kraft. PME öffnet diesen Zugang – sanft und ohne Konfrontation.
Menschen nach längerer Erschöpfung: Burnout hinterlässt nicht nur müde Gedanken, sondern einen müden Körper, der verlernt hat, Energie zu fühlen. PME hilft, diesen Kontakt wiederherzustellen.
Menschen, die im Kopf feststecken: wer sehr kognitiv orinetiert ist, hat oft Schwierigkeiten, Entspannung zu erleben – weil die Gedanken weiterlaufen. Die körperliche Aktivierung durch PME umgeht diesen Kreislauf.
Was diese Methode nicht leistet
PME ist kein Weg, Selbstwertprobleme aufzulösen. Sie schafft einen körperlichen Zugang – einen Einstieg. Was dahinterliegt, braucht oft mehr: Reflexion, Beziehungserfahrung, manchmal psychologische oder therapeutische Begleitung.
Auch bei Traumatisierung ist Vorsicht geboten: bewusste Körperanspannung kann bei manchen Menschen Unbehagen auslösen. In meinem Video arbeite ich deshalb mit einer traumasensiblen, einladenden Sprache – die Übung ist immer ein Angebot, nie Pflicht.
Probiere es aus – am besten jetzt gleich
In diesem Video führe ich die durch eine vereinfachte, körperzentrierte Version der progressiven Muskelentspannung – mit drei bewussten Ankerpunkten: Hände, Mitte, Füsse.
Manchmal zeigt sich durch solche Übungen, wie weit weg man sich von sich selbst entfernt hat. Das ist kein schlechtes Zeichen – es ist ein wichtiges.
Wenn du das Gefühl hast, dass dein Thema mehr Raum braucht, bin ich da. Von Mensch zu Mensch.
Mein Fazit für dich
Entdecke deine Kraft (wieder).
Nutze diese wirkungsvolle körperorientierte Arbeit, um deine Kraft wieder zu spüren. Nicht nur oberflächlich, sondern auf neuronaler Ebene. Gerne unterstütze ich dich dabei, behutsam deine Kraft zu spüren.


